Sportbootführerscheine

 

 

 

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Wohl kaum in einem anderen Bereich, in dem es um irgendwelche amtlichen Befähigungsnachweise geht, herrscht so große Verwirrung wie bei den Führerscheinen für die Sportschifffahrt – die leider auch vor vermeintlichen Fachleuten nicht Halt macht. Es gibt beispielsweise viele Inhaber von Sportboot-Führerscheinen, die sich nicht wirklich darüber im klaren sind, wozu ihr Führerschein sie tatsächlich berechtigt und wo dessen genaue Grenzen liegen. Neueinsteiger in den Bootssport sind meistens völlig ratlos. Heiße Debatten über die alles entscheidende Frage "Welchen Schein braucht man wofür?" sind daher unter Führerscheinanwärtern obligatorisch. Unkenntnis paart sich hier oft mit Desinformation, denn auch in der Presse und selbst in den Werbeaussagen mancher Segelschulen findet man immer wieder Angaben, die zumindest als kritisch zu bewerten sind – wenn nicht sogar als schlichtweg falsch.

Woran liegt das? Eine wesentliche Ursache für die weit verbreitete Verwirrung besteht sicher darin, dass sich bei den Führerscheinen für die Sportschifffahrt in den letzten 10 Jahren sehr viel verändert hat. Das Ändern von Führerschein-Verordnungen scheint allgemein eine der Lieblingsbeschäftigungen deutscher Regierungen zu sein. Wer heute Mitte 30 ist, hat beispielsweise seinen Kfz-Führerschein seit dem 18. Lebensjahr dreimal umtauschen dürfen – von der grauen "Pappe" über den rosa "Lappen" bis zur ebenso effektvoll wie kryptisch gestalteten Plastikkarte, deren Inhalt nun wirklich kein Laie mehr nachvollziehen kann und außerhalb der EU auch kein Fachmann. Während sich die Veränderungen bei den Kfz-Führerscheinen neben der neuen Optik jedoch im wesentlichen auf Randfragen beschränkten – also nicht die zentralen "Grundfesten" des Systems in Frage stellten – wurde das Führerscheinwesen in der Sportschifffahrt in den 90er Jahren vollständig umgekrempelt: Die meisten der alten Segelscheine sind komplett weggefallen – gleichzeitig wurden neue, amtliche Führerscheine eingeführt, die es in dieser Form zuvor nicht gegeben hat.

 Da die "alten" Scheine Bestandsschutz genießen, aber inhaltlich mit den "neuen" Scheinen nur eingeschränkt vergleichbar sind, entsteht schnell der Eindruck eines unüberschaubaren Verwirrspiels. Wenn man sich allerdings etwas näher mit der Materie befasst, ist es gar nicht mehr so kompliziert.

I. Zentrale rechtliche Grundsatzfragen

Die zugegebenermaßen recht zahlreichen Führerscheine für die Sportschifffahrt, die in Deutschland im Umlauf sind, unterscheiden sich aus formaljuristischer Sicht vor allem in zwei Kriterien – es gibt:

 • amtlicheundnicht-amtliche Führerscheine sowie

gesetzlich vorgeschriebene und freiwillige Führerscheine

1. Amtliche und nicht-amtliche Führerscheine

Die Aufteilung in amtliche und nicht-amtliche Führerscheine ergibt sich aus der Historie des deutschen Führerscheinwesens für die Sportschifffahrt. Während der Deutsche Seglerverband (DSV) bereits ab den 30er Jahren qualifizierte, nicht-amtliche Führerscheine für die Sportschifffahrt herausgegeben hat (zunächst als "A-", "B-" und "C-Schein") – die entsprechende theoretische und vor allem auch praktische Prüfungen voraussetzten – wurde von staatlicher Seite erst 1968 mit dem "Sportbootführerschein See" der erste amtliche Befähigungsnachweis eingeführt. 1989 folgte dann der "Sportbootführerschein Binnen" und in den 90er Jahren schließlich "Sportküsten-", "Sportsee-" und "Sporthochseeschifferschein" als weitere amtliche Führerscheine. Bis dahin waren also viele Bereiche ausschließlich durch die nicht-amtlichen DSV-Scheine abgedeckt.

 Nicht-amtliche Führerscheine haben als reine "Verbands-Scheine" grundsätzlich lediglich satzungsrechtliche Bedeutung (z.B. als Zulassungsvoraussetzung für Verbandsregatten). Inhalte und Prüfungsanforderungen werden von den ausstellenden, nicht-staatlichen Organisationen selbst festgelegt – weshalb nicht-amtliche Nachweise immer als freiwillig anzusehen sind (sie sind also gesetzlich nicht zum Befahren bestimmter Gewässer vorgeschrieben). Obgleich man fairerweise einräumen muss, dass der DSV bei der Ausgestaltung der Anforderungen für die von ihm herausgegebenen Führerscheine stets ebenso gründlich wie gewissenhaft vorgegangen ist – wodurch sie schließlich zu Vorbildern für die später eingeführten amtlichen Scheine wurden.

Die meisten der im allgemeinen Sprachgebrauch immer noch sehr populären nicht-amtlichen DSV-Führerscheine (wie A-, R-, BR-, BK- und C-Schein) werden vor dem Hintergrund der heute bestehenden amtlichen Führerscheine allerdings inzwischen nicht mehr ausgestellt.

2. Gesetzlich vorgeschriebene und freiwillige Führerscheine

Während die nicht-amtlichen Führerscheine grundsätzlich immer freiwillig sind, gibt es bei den amtlichen Führerscheinen sowohl freiwillige als auch solche, die gesetzlich vorgeschrieben sind. Amtliche Führerscheine basieren schließlich auf allgemeingültigen Rechtsvorschriften (Gesetzen/Verordnungen). Sie werden offiziell vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Wohnwesen ausgestellt – das allerdings den DSV und den Deutschen Motor-Yachten Verband (DMYV) mit der Abnahme der betreffenden Prüfungen beauftragt hat. Rein äußerlich sind sie immer sofort am Bundesadler auf der Vorderseite zu erkennen (nicht-amtliche Führerscheine tragen hingegen das Logo des ausstellenden Verbandes). Nur amtliche Führerscheine enthalten außerdem das "Internationale Zertifikat" der Vereinten Nationen (UN), das den internationalen Geltungsbereich festlegt (wichtig für die Anerkennung des Scheins im Ausland).

Für welche Bereiche besteht in Deutschland Führerscheinpflicht? Sofern man sich auf die ganz "normale" Sportschifffahrt beschränkt – also keine gewerbliche Nutzung des Sportbootes vorliegt – ist die Frage recht einfach und eindeutig zu beantworten:

• Führererscheinpflicht besteht prinziell nur für Sportboote mit Antriebsmaschine, deren Leistung mehr als 3,68 kW (5 PS) beträgt
(Ausnahme: im Bundesland Berlin und auf dem Bodensee besteht auch für Segler Führerscheinpflicht)

• Führerscheinpflicht besteht für diese Sportboote nur auf Binnenschifffahrtsstraßen und den deutschen Seeschifffahrtsstraßen (unmittelbarer Küstenbereich bis zu einem Abstand von 3 sm von der Basislinie).

Das bedeutet im Umkehrschluss: Für reine Segler ohne Antriebsmaschine (oder einer mit weniger als 3,68 kW) besteht mit Ausnahme des Bodensees und der Berliner Gewässer in Deutschland keine Führerscheinpflicht (wobei die Führerscheinpflicht allerdings bereits greift, wenn eine Antriebsmaschine mit mehr als 3,68 kW an Bord ist – egal ob in Betrieb oder nicht). Darüber hinaus endet die Führerscheinpflicht für Sportboote außerhalb der deutschen Seeschifffahrtsstraßen – also ab einem Abstand von mehr als 3 sm von der Basislinie. Ab hier ist also für Führen von Sportbooten gesetzlich kein Führerschein mehr vorgeschrieben.

3. Welche Führerscheine sind in Deutschland Pflicht?

Dementsprechend gibt es in Deutschland für die private Nutzung von Sportbooten nur zwei gesetzlich vorgeschriebene Führerscheine:

• den Sportboot-Führerschein Binnen
(zum Führen von Sportbooten mit Antriebsmaschine von mehr als 3,68 kW auf den deutschen Binnenschifffahrtsstraßen)

• den Sportboot-Führerschein See
(zum Führen von Sportbooten mit Antriebsmaschine von mehr als 3,68 kW auf den deutschen Seeschifffahrtsstraßen im unmittelbaren Küstenbereich bis 3 sm von der Basislinie)


Der Sportbootführerschein Binnen ist allerdings auf Schiffe bis maximal 15 m Länge begrenzt – beim Sportbootführerschein See gilt hingegen keine Größenbegrenzung.

Die höheren amtlichen Führerscheine wie der Sportküstenschifferschein (SKS), Sportseeschifferschein (SSS) und Sporthochseeschifferschein (SHS) sind in der normalen, nicht-gewerblichen Sportschifffahrt prinzipiell freiwillige Befähigungsnachweise.

Anders sieht es bei der gewerblichen Nutzung von Sportbooten aus, wo vom Schiffsführer je nach Einsatzbereich deutlich höhere Befähigungsnachweise verlangt werden (s. Führerscheine im Einzelnen) – beispielsweise bei Fahrten zu Ausbildungszecken, zum gewerblichen Fahrgasttransport oder Kojencharter bzw. bei bezahlten Tauch- oder Angelausfahrten. Zudem gilt auf Traditionsschiffen (auch bereits bei rein ideellem Betreib) eine Besetzungspflicht, die je nach Schiffsgröße und Einsatz von einer bestimmten Anzahl an Crewmitgliedern mindestens den Sportseeschifferschein (SSS) fordert.

4. Haftungsrechtliche Aspekte

Bei der Frage "Was braucht man und was vielleicht nicht unbedingt?" sollte man allerdings nicht nur ausschließlich auf die geltenden Führerschein-Vorschriften schauen. Denn obwohl die höheren amtlichen Führerscheine wie der Sportküsten-, Sportsee- und Sporthochseeschifferschein bei der normalen, nicht-gewerblichen Nutzung von Sportbooten nicht zwingend vorgeschrieben sind, kann ihnen hier dennoch Bedeutung zukommen – insbesondere im Schadensfall. Ganz abgesehen davon, dass es jedem Verständnis von guter Seemannschaft widerspricht, ein Fahrgebiet zu befahren, ohne über den dafür vorgesehenen (wenn auch freiwilligen) Befähigungsnachweis zu verfügen, kann ein solches Verhalten also auch erhebliche juristische Konsequenzen haben.

Neben allen seemännischen Sorgfaltspflichten hat der Schiffsführer nämlich aus juristischer Sicht immer auch eine:

verkehrsrechtliche Verantwortung
(Einhaltung von KVR, SeeSchstrO etc.)

zivilrechtliche Verantwortung
(Haftungsrecht und Haftungsansprüche bei Schäden gegenüber Dritten)

strafrechtliche Verantwortung
(Straftatbestände nach StGB)

In jedem der drei Rechtsbereiche kann auch bereits eine fahrlässige Handlung (auch durch Unterlassung oder Unkenntnis) dazu führen, dass der Schiffsführer zur Verantwortung gezogen wird – beispielsweise wenn er aus Unkenntnis bestimmte Schifffahrtszeichen, Warnsignale oder besondere Ausweichregeln ignoriert oder fehlinterpretiert (verkehrsrechtliche Verantwortung), wenn er durch ein grob pflichtwidriges Verhalten Leib, Leben oder wertvolle Sachen Dritter gefährdet, indem er Sicherheitsmängel nicht beseitigt (strafrechtliche Verantwortung) oder wenn er durch ein schuldhaftes Verhalten Schäden gegenüber Dritten verursacht (zivilrechtliche Verantwortung). Die üblichen Sportboot-Haftpflichtversicherungen schließen übrigens meistens bereits Schäden durch die bewusste Inkaufnahme eines Risikos aus – behalten sich also vor, bei Schäden aufgrund von Selbstüberschätzung oder unzureichender Sicherheitsausrüstung nicht zu zahlen.

Das bedeutet letztlich, dass man sich zumindest in einem juristischen Graubereich bewegt, wenn jemand, der nur den Sportbootführerschein See besitzt, die 3-sm-Zone verlässt. Wer hier ohne entsprechenden Befähigungsnachweis fährt – ob gesetzlich vorgeschrieben oder nicht – riskiert zumindest seinen Versicherungsschutz (den allerdings garantiert). Denn dies ließe sich jederzeit als grob fahrlässiges Handeln interpretieren. Jenseits dieser Zone gilt zwar in der normalen Sportschifffahrt keine gesetzliche Führerscheinpflicht – dennoch bleibt die volle verkehrsrechtliche, zivilrechtliche und strafrechtliche Verantwortung des Schiffsführers bestehen. Auch hier gelten für den Schiffsführer definierte Rechte und Pflichten (KVR), deren Nichteinhaltung Konsequenzen hat. Einfach ausgedrückt: Wer außerhalb der 3-sm-Zone bei einer Verkehrskontrolle nur den Sportbootführerschein See vorzeigen kann, verstößt zwar gegen keine Führerscheinpflicht – ist aber im Schadenfall mit hoher Wahrscheinlichkeit zumindest im Rahmen einer Mitschuld dran.

Vor diesem Hintergrund sind auch die eigentlich freiwilligen, höheren amtlichen Führerscheine selbst in der nicht-gewerblichen Sportschifffahrt für die von ihnen umrissenen Fahrgebiete als "quasi-vorgeschrieben" anzusehen.

Am Rande: Außerdem verlangen Charterfirmen beim Bareboat-Charter seegängiger Yachten vom Charterer als Schiffsführer als Befähigungsnachweis in der Regel mindestens den SKS-Schein (bzw. den DSV-BR-Schein) – auch dies oft mit Hinblick auf die bestehenden Versicherungsverträge.

 

Wen es interessiert – Mulons Scheine: Sportbootführerschein Binnen Segel / Motor (SBF Binnen), Internationaler Catamaran Grundschein (Cat-Schein), Sportbootführerschein See (SBF See), DSV-Yachtführerschein BR, Sportküstenschifferschein Segel / Motor (SKS), Sportseeschifferschein Segel / Motor (SSS), Sporthochseeschifferschein Segel / Motor (SHS), Beschränkt gültiges Betriebszeugnis für Funker (BZ I), Short Range Certificate (SRC), Long Range Certificate (LRC), Sach- und Fachkundenachweis Seenotsignalmittel (Pyro-Schein), ISAF Approved Offshore Personal Survival Training Certificate.

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1. Amtliche Führerscheine

1.1. Sportbootführerschein Binnen (SBF Binnen)

1.2. Sportbootführerschein See (SBF See)

1.3. Sportküstenschifferschein (SKS)

1.4. Sportseeschifferschein (SSS)

1.5. Sporthochseeschifferschein (SHS)

 

2. Nicht-amtliche Führerscheine

2.1. Die "alten" Yacht-Führerscheine des DSV bzw. DMYV
(A-, R-, BR-, BK-, C-Schein)

2.2. Die neuen nicht-amtlichen Führerscheine des DSV

2.2.1.
DSV-Jüngstensegelschein

2.2.2.
DSV-Sportsegelschein

 

3. Amtliche "Exoten"

3.1. Bodenseeschifferpatent (BP)

3.2. Sportschifferzeugnis (Schifferpatent E)

3.3. Sportpatent für den Rhein
(früher: "Sportschifferpatent")

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
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