Wer schrieb Shakespeare?

Ein Kommentar zur Verfasserdiskussion von Sven Mulon Rutter

     
William Shakespeare
  23. April 1564 - 23. April 1616

 

 
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Good Friend for Jesus sake for Beware
To digg the dust encloased heare
Blese be ey man ty spares thes stones
and curst be he ty moves my bones

(Sheakespeares Grabstein-Inschrift in der Holy Trinity Church, Stratfort:
Du guter Freund, tus Jesus zu Gefallen
Und wuehle nicht im Staub, der hier verschlossen
Gesegnet sei der Mann, der schonet diese Steine
und jeder sei verflucht, der stoert meine Gebeine)

Personal Antology

LOVE
Ein Frauenatlitz, das Natur selbsthändig
gemalt - hast Du Herr-Herrin meiner Minne.
Ein zartes Frauenherz, doch das nicht ständig
den Wechsel sucht nach falscher Frauen Sinne.
Ein Aug so hell wie ihrs doch nicht so hehlend,
jed Ding vergoldend worauf es sich wendet.
Ein Mann in Form, den Formen all befehlend,
der Mannes Aug und Weibes Selle blendet.
Du warst als Frau gedacht als erst Dich schaffte
Natur. Doch sie verliebte sich beim Werke,
indem durch Zutat sie Dich mir entraffte,
tat sie ein Ding bei - nicht für meine Zwecke.
Doch da sie Dich erlas zu Weibes Labe,
sein mein Dein Lieben, ihnen Liebes-Gabe.
The Sonnets, No. 20 (Uebers. n. George, Entstehungsdatum unbekannt)

MINDERHEITEN

Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und eben dem Sommer, als ein Christ?
Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns dann nicht rächen?
Sind wir euch in allen Dingen so ähnlich, so wollen wir es euch auch darin gleich tun.
„Der Kaufmann von Venedig“ Act 3, Sc. 1, Monolog des Shylock (wahrscheinlich um 1595/96, übers. n. A.W. Schlegel) 

EHRE

Ehre beseelt mich vorzudringen. Wenn aber Ehre mich beim Vordringen entseelt? Wie dann? Kann Ehre ein Bein ansetzen? Nein. Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde stillen? Nein. Ehre versteht sich also nicht auf die Chirurgie? Nein.
Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? Was ist diese Ehre? Luft. Eine feine Rechnung! – Wer hat sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb: fühlt er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten nicht. Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. Warum nicht? Die Verleumdung gibt es nicht zu. Ich mag sie also nicht. – Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge, und so endigt mein Katechismus. (Ab.)
„König Heinrich der Vierte. Erster Teil“ Act 5, Sc. 1, Ritter Sir John Falstaff in der Schlacht (wahrscheinlich um 1596/97, übers. n. A.W. Schlegel)

KRIEGSGRUENDE

But if the cause be not good, the King himself hath a heavy reckoning to make; when all those legs and arms and heads, chopped off in a battle, shall join together at the latter day, and cry all, "We died at such a place"; some swearing, some crying for a surgeon, some upon their wives left poor behind them, some upon the debts they owe, some upon their children rawly left. I am afeard there are few die well that die in a battle; for how can they charitably dispose of any thing when blood is their argument ? Now, if these men do not die well, it will be a black matter for the king that led them to it, who to disobey were against all proportion of subjection.
William Shakespeare, King Henry V, Akt IV, Szene 1, Monolog des Michael Williams (wahrscheinlich 1599)

TRAEUME
Mich dünkt, es wär ein glücklich Leben,
Nichts Höhres als ein schlichter Hirt zu sein;
Auf einem Hügel sitzend, wie ich jetzt,
Mir Sonnenuhren zierlich auszuschnitzen,
Daran zu sehen, wie die Minuten laufen,
Wie viele machen eine Stunde voll,
Wie viele Stunden einen Tag vollbringen,
Wie viele Tage endigen ein Jahr,
Wie viele Jahr ein Mensch auf Erden lebt.
Wann ich dies weiß, dann teil ich ein die Zeiten:
So viele Stund muß die Herd´ich warten,
So viele Stunden muß der Ruh´ich pflegen,
So viele Stunden muß ich Andacht üben,
So viele Stunden muß ich mich ergötzen,
So viele Tage trugen schon die Schafe,
So viele Wochen, bis die armen lammen,
So viele Jahr´,eh ich die Wolle schere.
Minuten, Stunden, Tage, Monden, Jahre,
Zu ihren Ziel gediehn, würden so
Das weiße Haar zum stillen Grabe bringen.
Ach, welch ein Leben wärs! Wie süß! Wie lieblich!
King Henry VI, Part III, Act 2, Scene 5, großer Monolog des Königs (Auszug, geschrieben: 1589-1592)

STERBEN
Sein oder Nichtsein, dass ist hier die Frage: Ob´s edler im Gemüt, die Pfeil´ und Schleudern des wütenden Geschicks erdulden oder sich waffnend gegen eine See von Plagen, durch Widerstand sie enden. Sterben – schlafen – nichts weiter! Und zu wissen, dass ein Schlaf das Herzweh und die tausend Stöße endet, die unseres Fleisches Erbteil sind. S´ist ein Ziel aufs innigste zu wünschen. Sterben – schlafen – schlafen! Vielleicht auch träumen! Ja, da liegt es! Was uns in dem Schlaf für Träume kommen mögen, wenn wir den Drang des Ird´schen abgeschüttelt. Das zwingt uns Still zu stehn. Das ist die Rücksicht, die Elend lässt zu hohen Jahren kommen. Denn wer ertrüg der Zeiten Spott und Geißel? Des Mächt´gen Druck, des Stolzen Misshandlungen, verschmähter Liebe Pein, des Rechtes Aufschub, den Übermut der Ämter, und die Schmach, die Unwert schweigendem Verdienst erweist. Wenn er sich selbst in Ruhstand setzen könnte. Mit einer Nadel boß! Wer trüge Lasten und stöhnt´ und schwitzte unter Lebensmüh´? Nur dass die Furcht vor etwas nach dem Tode – das unendeckte Land, von des Bezirk kein Wandrer wiederkehrt – den Willen irrt, dass wir die Übel, die wir haben liber ertragen als zu Unbekannten fliehn. So macht Gewissen Feige aus uns allen. Der angebohrnen Farbe der Entschließung wird des Gedankens Blässe eingekränkelt; und Unternehmungen voll Mark und Nachdruck, durch diese Rücksicht aus der Bahn gelenkt, verlieren so der Handlung Namen.
Hamlet, Prinz von Dänemark, Act III, Sc. 1, Großer Monolog des Hamlet (wahrscheinlich 1600, Uebers. n. A.W. Schlegel)

ALKOHOL
Porter: Mein Seel, Herr, wir zechten, bis der zweite Hahn krähte und der Trunk ist ein großer Beförderer von drei Dingen.
Macduff: Was sind denn das für drei Dinge, die der Trunk vorzüglich fördert?
Porter: Ei, Herr, rote Nasen, Schlaf und Urin. Buhlerei befördert und dämpft er zugleich: er befördert das Verlangen und dämpft das Tun. Darum kann man sagen, dass vieles Trinken ein Zweideutler gegen die Buhlerei ist: es schafft sie und vernichtet sie; treibt sie an und hält sie zurück; macht ihr Mut und schreckt sie ab; heißt sie, sich brav zu halten und nicht brav zu halten; zweideutelt sie zuletzt in Schlaf, straft sie Lügen und geht davon.
William Shakespeare „Macbeth“ Act 2, Sc. 3 (wahrscheinlich um 1606, Uebers. n. D. Tieck)

From The Sonnets
´S ist besser schlecht zu sein, als schlecht zu scheinen;
wenn beides gleichem Tadel doch verfällt
No. 121 (Uebers. n. Wolf, Entstehungsdatum unbekannt)
Ist dies ein Trug, des man mich zeihen kann,
schrieb ich kein Wort, und liebte je kein Mann.
No. 116 (Uebers. n. Schoerder, Entstehungsdatum unbekannt)
Dein Andenken rafft kein Tod von hinnen,
wenn auch von mir kein Lebender mehr hört.
No. 81 (Uebers. n. Regis, Entstehungsdatum unbekannt)
IRRTUM WILL !!!

 


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„Wir überzeugen uns abermals, dass Shakespeare, wie das Universum, das er darstellt, immer neue Seiten biete und am Ende doch unerforscht bleibe: denn wir sämtlich, wie wir auch sind, können weder seinem Buchstaben noch seinem Geiste genügen.“

(Johann Wolfgang Goethe, 1827)

 

 

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