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„Das Leben ist hart, unkompliziert und verkommen.“

Bei Dichterzirkeln pinkelte er auf den Tisch, den Dichterfürsten und (wesentlich älteren) Familienvater Paul Verlaine verführte er bis zum Wahnsinn (er schoß Rimbaut aus verzweifelter Liebe in die Hand und musste anschließend wegen "Sodomie" für zwei Jahre in den Knast), dem größten Lyriker des 20. Jahrhunderts, Bert Brecht, der kaum "Götter" neben sich gelten ließ, war er ein erklärtes Vorbild, Klaus Kinsky "vergötterte" ihn in unvergesslich radikal-exzentrischen Lesungen ... dabei hat Arthur Rimbaut (1854-1891) nur drei Jahre seines Lebens geschrieben - vom 17. bis 20. Lebensjahr - und dennoch die Weltliteratur revolutioniert ... danach Wanderer, Afrika-Aussteiger, Abenteurer, Waffenhändler ... seine große Zeit war die Zeit der (lebensgefährlich) ausschweifenden Liebes-Hass-Beziehung mit Verlaine (der später sein Werk gegen den Widerstand von Rimbauts Familie veröffentlichte). Wunderschöner Jüngling - krankes Herz!
Trinken wir einen Absynth auf beide - ihr Stammgetränk!

Vertraut mir!

Ich werde diese ganze Geheimniskrämerei entlarven: den religiosen Zauber, das mysteriöse Getue um Natur, Tod, Geburt, Zukunft, Vergangenheit, Kosmos, Leere. Ich bin Fachmann für Wahngebilde.
Hört her! ...
Ich bin wahnsinnig talentiert! - Gleich, ob es andere gibt oder nicht: Ich schmeiße meine Perlen nicht vor die Säue. -
Wünscht man Negergesänge, Huri-Tänze?
Soll ich mich in Luft auflösen, soll ich nach dem Ring tauchen?
Wird es gewünscht?
Ich werde Gold machen, HEILmittel.
Vertraut mir ruhig, Vertrauen lindert, leitet, heilt. Kommt alle, meine Schäfchen, - auch die Kleinsten -, damit ich Euch trösten kann, damit ich euch ins Herz schließen kann - in dieses FABELHAFTE HERZ! -
Arme Menschen, Arbeitstiere! ICH verlange keine Gebete, euer Vertrauen allein macht mich glücklich.

Rimbaut´s Systematik

Ich erfand die Farbe der Vokale! A=Schwarz, E=Weiß, I=Rot, O=Blau, Ü=Grün. Ich bestimme Form und Bewegung jedes Konsonanten, und mit Hilfe frei fließender Körper=Rhythmen wollte ich - so schmeichelte ich mir - eines Tages eine poetische Sprache finden, die alle Sinne gleichzeitig entzündet. Ich allein würde die Geheimnisse der Übergänge kennen.
Das waren zunächst nur Übungen. Ich schrieb Schweigen und Nacht. Ich formulierte das Unsagbare. Ich bannte den Taumel in der SCHRIFT.

Böses Blut

Ich habe von meinen gallischen Vorfahren den blau=weißen Blick, das beschränkte Hirn und die Begriffsstutzigkeit im Kampf. Ich finde meine Aufmachung genauso barbarisch wie ihre. Aber ich schmiere mir keine Butter aufs Haar.
Die Gallier waren Tierschinder und die dusseligsten Grasabbrenner ihrer Zeit. Von ihnen habe ich: den Götzendienst und die Lust an Gottesschändungen.
- HAH! Alle Laster, Wut, Wollust - Göttlich, diese Wollust! Vor allem habe ich von ihnen die Verlogenheit und Faulheit. Mir graust es vor jedem Beruf. Meister und Arbeiter, alles gemeine Bauern. Die Schreibhand ist genauso beschissen wie die Schwielenhand. Was für ein Zeitalter der HÄNDler. ICH werde niemals meine Hand besitzen.
Denn die Domestizierung geht entschieden zu weit. Das rechtschaffene Gebettel geht mir auf den Wecker. Gangster sind genauso geschmacklos wie Kastraten: ICH bin unberührt, und das ist MIR gleich=gültig.
Doch wer hat meine SPRACHE so hinterhältig gemacht, daß meine Faulheit bis jetzt ungeschoren passieren konnte? Sie hat mir nicht dazu verhoffen, aus meinem Körper heraus zu leben, und untätiger als eine Kröte hockte ich überall. Keine Familie in Europa, die ich nicht kennen würde. Ich denke da an Familien wie die meine, die ihre Existenz nur den Menschenrechten verdankt. Jedes Mutter=Söhnchen kannte ich persönlich.

Aus heißen Ländern heimkehren

Ich bin jetzt an der bretonischen Küste. Wie die Städte aufflammen am Abend! Meine Tage sind gezählt; ich verlasse Europa. Die Seeluft wird meine Lungen sengen. Fremdes Klima beizt mich braun: Schwimmen, Gräser zertreten, jagen, rauchen - das gleich doppelt. Starke Schnäpse trinken: die sind wie brodelndes Metall - ganz so, wie es meine geschätzten Vorfahren taten, wenn sie um die Feuer kauerten.
Dann komme ich zurück mit eisernen Knochen, mit dunkler Haut, mit Tiger=Blick. Beim Anblick meiner Visage wird man mich auf Anhieb der blau=und=blond=äugigen Rasse zurechnen. Ich werde mit Geld um mich schmeißen. Und träge und brutal werde ich sein. Die Frauen haben eine Schwäche für diese wilden Würstchen, die aus heißen Ländern heimkehren. Ich werde sogar in politische Affären verstrickt werden. Geschafft!
Aber noch bin ich geächtet, mir graust es vor dem Vater=Land. Am besten ich besaufe mich und penne am Strand.

Scheiß auf Zivilisation

Die Weißen landen. Kanonisch. Kniefall vor der Taufe, Kleider, Arbeit.
Der Blitzschlag der Gnade hat mein Herz getroffen. AHH! Das konte ich nicht vorhersehen!
ICH HABE DEN DRECK NICHT IN DIE WELT GESETZT. Meine Tage werden GANZ LEICHT dahingleiten, nichts, das es zu bereuen gäbe. Ich werde die Tortur nicht brauchen, mit der die Seelen doch noch zum Guten hingequetscht werden: Ein eiskaltes Licht ist dort, wie von Totenkerzen. So geht es dem Sohn aus guter Familie: früh=reifer Sarg, von gläsernen Tränen überzogen.

Bloß kein gewöhnliches Glück!

Langeweile ist nicht länger meine Geliebte. Die rasenden, wahnsinnigen Aus=Schweifungen: mein Antrieb, mein Verhäugnis. Meine Last ist endgültig deponiert. Schätzen wir ohne zu mogeln das Ausmaß meiner Unschuld.
Ich käme nicht mehr auf die Idee, nach den Tröstungen des Prügelstocks zu verlangen. Daß ich zu einem Hochzeitsgelage mit Jesus Kristus als Schwieger=Vater abgeführt werde, halte ich für sehr unwahrscheinlich.
Ich bin kein Sklave meiner Raison. Ich habe den Namen Gottes ausgesprochen. Ich will die Freiheit im Seelen=Heil: wie kann ich sie erhaschen, wo doch die perversen Gelüste mich verlassen haben? Weg ist das Bedürfnis nach Hin=Gabe und göttlicher Liebe. Ich sehne mich nicht nach einem Jahrhundert der empfindsamen Seelen. Jeder hat jetzt seine eigene Raison, seine HOCH=Achtung und GERING=Schätzung:
ICH setze mich auf die oberste Sprosse der Engelsleiter des Gesunden MenschenVerstandes.
Was das gewöhnliche Glück angeht, häuslich oder wandernd: nein, ich kann das nicht. Ich bin zu verspielt, zu anfällig.
“Der Mensch erblüht in der Arbeit“ - alter Spruch: Doch ich, mein Leben wiegt nicht schwer genug, Es fliegt davon und treibt weit über den Taten, auf die sie alle hier so scharf sind.

Die Geilheit des Geistes

Gut! Selbstverständlich ist mein Geist absolut geil darauf, sich vollzupumpen mit all den Greueln des Fort=Schritts, die dem Geist seit dem Untergang des Morgenlandes zugemutet wurden...
Er ist ganz närrisch danach, mein Geist!
... Ein paar Groschen Verstand sind verspielt! - Der Geist hat sich behauptet, er wünscht mich im Abendland. Ich müßte ihn mundtot machen, um meine eigenen Entscheidungen treffen zu können.

Reif für Vollkommenheit

Genug!... Schluß mit dem falschen Geflüster, den falschen Düften, den Zauberformeln, der kindischen Musik. -
Und Schluß auch mit diesem Gewäsch: daß ich die Wahrheit besitze, daß ich die Gerechtigkeit sehe: ich urteile klar und gefaßt, ich bin reif für die Vollkommenheit...
Ich Großmaul! -
Ich habe die Krätze auf dem Kopf. Da, schau her, lieber GOTT!
Ich habe Angst.
Ich habe Durst, großen Durst!
AH! Die Kindheit, das Gras, der Regen, Pfützen auf dem Pflaster, das Mondlicht, wenn die Turmuhr zwölf schlug...
Der Teufel steckt im Glockenturm zu dieser Stunde.
Maria! Heilige Jungfrau!...
- Abgrund meiner Dummheit.

Brennender Propeller

Es häufen sich die Wahnvorstellungen. So ging das schon immer bei mir los: keinen Glauben an die Geschichte, das Vergessen der Grund=Sätze. Besser, ich schweige zu diesem Thema: Die Poeten und Hell=Seher könnten scheel dreiblicken. Ich bin tausend Mal der Aller-Reichste, wir wollen geizig sein wie das Meer.
Nanu! Die Lebensuhr bleibt plötzlich stehen. Ich bin nicht mehr in der Welt. - Tatsächlich! Die Theologen haben doch recht: Die Hölle ist wirklich unten - und der Himmel oben. -
Ekstase, Nachtmahr, Schlaf im Flammennest.

Leben

In den Straßen, in den Winternächten, ohne Absteige, ohne Mantel, nichts zu fressen: Eine Stimme preßt mein gefrorenes Herz zusammen: "Deine Schwäche, deine Kraft: deine PRÄSENZ ist deine Kraft. Du weißt nicht, wohin Du gehst, warum du gehst: Tritt überall ein. Antworte auf alles. Da du schon TOT bist, wer soll dich töten?"
Am Morgen hatte ich dann einen unheimlich verlorenen Aus=Druck im Gesicht und eine so tote Verfassung, daß diejenigen, denen ich über den Weg lief, mich vielleicht gar nicht gesehen haben!

Männerliebe

Was sagte ich von einer freundlichen Hand?
Es ist ein hübscher Vorsprung, daß ich über die alte, verlogene Liebe lachen und diese bigotten Pärchen mit Hohn überhäufen kann. - Ich habe da unten auch dieHölle der FRAUEN gesehen. -
Und es ist mir vergönnt, die Wahrheit in EINER Seele und in EINEM Körper zu tragen.

Verlaine?

Ach ihr Zeiten, ihr Paläste!
Welches Herz hat eine reine Weste?
Mit Magie bin ich dem Glück gekommen,
dem niemand von uns je ist entronnen.
Heil ihm von früh bis spät,
wann immer der gallische Gockel kräht.
AH! Aller Gelüste bin ich beraubt.
Es hat sie alle aufgeklaubt.
Dieser Reiz hat sich Leib und Seel´ eingeschrieben,
und all mein Getreibe vertrieben.
Ach ihr Zeiten, ihr Paläste ...
Die Stunde seines Scheidens
ist ach! das Ende meines Leidens.
Ach ihr Zeiten, ihr Paläste!

Hamlet

Was bin ich eine alte Jungfer, feige genug, den Tod nicht zu lieben!
Warum schenkt Gott mir nicht die himmlisch=luftige Ruhe und das Gebet - wie früher den Heiligen? -
Diese Heiligen! Das waren KRIEGER! Die Einsiedler, DAS waren Künstler: sowas weiß man heute nicht mehr zu schätzen!
Endlose Farce! Vor lauter Unschuld kommen mir die Tränen. Das Leben ist die Farce, an der Alle teilnehmen müssen.
Es reicht! DA kommt schon die Quittung. - Nichts wie weg!
AH! Die Lungen brennen, die Schläfen pochen! NACHT schwankt in meinen Augen, mitten im Sonnenlicht! MEIN Herz ... Meine Glieder ...
Wo gehts hin? - Zum Kampf? - Ich bin so schwach. Die anderen rücken vor: die Kampfmaschinen - Waffen - das Brodeln in der Luft!...
Feuer, FEUER über mich! SCHNELL - oder ich schmeiße alles hin. -
Verfluchte Feiglinge! -
Ich bringe mich um!
Ich schmeiße mich den Pferden vor die Hufe!
AH!...
- Man gewöhnt sich an alles.
So wird es laufen mit dem Leben in Frankreich, So kommt ES zu Ehren!

... nur ein kleiner Einblick in die Welt der grandiosen Poesie des jungen Arthur Rimbaut. Wer Blut geleckt hat, dem empfehle ich zum Einstieg die großartig aufgemachte, gebundeneAusgabe "Das poetische Werk" aus dem Münchener Verlag Matthes & Seitz. Wer mehr über das wahrhaft ausschweifende Leben Rimbauts erfahren möchte, dem lege ich die grandionse Verfilmung seiner Beziehungsgeschichte mit Verlaine ans Herz - mit dem schönen Leonardo di Caprio als frech-genialem Dichter-Bengel, der hier in jungen Jahren noch zeigen durfte, dass er auch wirklich schauspielen kann. Den durchaus anspruchsvollen Film „Total Eclipse“ gibt es in jeder guten Videothek.

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