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DAS DICKICHT DER STAEDTE

Der Betondschungel ist ein merkwürdiger Platz. Der echte Wald lebt. Jeder weiß es und kann es sehen. Aber die Pflanzen im Beton brauchen ungleich mehr Kraft zum leben. Sie sind die Helden, die es ohne den Beton nicht gäbe. Ihre Stärke ist zugleich ihre Sehnsucht: nach Auseinandersetzung. BEFASSE DICH MIT MIR! ist immer auch ein unsittliches Angebot. Diese ortlosen Menschen tauchen wie aus Nebel plötzlich auf, befassen sich und kommen uns danach für Wochen abhanden, dabei liegen sie nur eine Häuserecke weiter.

Im Dickicht der Städte sind die Liebesgeschichten selten glücklich. Aber sie versuchen es trotzdem. Und hoffen stur weiter. Die große Kraft des Steinwalds ist, dass er die Sehnsucht nach dem wirklichen Wald nicht erfüllt. Das zwingt sie zu träumen. Scheiß auf Idyll. Und wenn sie wach sind, ist die Auseinandersetzung die menschlichste Form des Umgangs, der Kampf eben. Denn sonst spüren sie nichts mehr.

(große Lyrik meines guten Freundes, Theaterregisseurs und grandiosen Brecht-Interpreten Christoph "Don" Diem über Bertolt Brechts „Im Dickicht der Städte“ [der mir immer noch nicht - obwohl schon vor Jahren versprochen - seine phantastische Fatzer-Dramaturgie überlassen hat, die hier deshalb nicht zur Geltung kommen kann > Ja Chris, ich weiss: "Der Mensch ist kein Hebel"!])

 

Erkenntnis

Alles verstehen, heißt nicht alles verzeihen.

 Bruno Vogel, "Alf" (1929 - übrigens eines der großartigsten Bücher, die ich jemals gelesen habe ... leider wird es nicht mehr verlegt ... nach der zweiten Auflage von 1931 landete es rasch auf den Idizes der Nazis ... dann folgte noch einmal ein Nachdruck 1977 beim Verlag Aschenbach, der allerdings längst vergriffen ist ... wer es in einem modernen Antiquariat entdeckt, sollte unbedingt zuschlagen und sich auch von noch so phantastisch erscheinenden Liebhaberpreisen nicht schrecken lassen! Ich habe zum Glück bereits mehrfach antiquarische Exemplare ergattern können und diese aus vollster Überzeugung an liebe Menschen verschenkt.) 

 

Dummheit

So wie ich den Menschen beurteile, finde ich die waffenfrohen Ansichten solcher Leute ganz verständlich und vernünftig. Auch wenn stocksternhagelbesoffene Jünglinge in Likördielen die ethischen Werte des Krieges preisen, oder wenn Diener Gottes beweisen, dass die Religion der Liebe den organisierten Massenmord jedem Einzelen zur sittlichen Pflicht mache, nun, so ist das nicht weiter verwunderlich für einen, der weiß, was bei einer Alkoholvergiftung oder einem Theologen alles möglich ist."

 Bruno Vogel, "Es lebe der Krieg! Ein Brief" (1925 - das Werk gilt als erstes deutsche Antikriegsbuch ["Im Westen nichts Neues" von Remarque erschein erst 1929] und repräsentiert nach meiner Ansicht wohl auch das überzeugste, weil ebenso drastische wie prosaisache literarische Antikriegs-Dokument ... leider ist die unzensierte Erstauflage nur noch antiquarisch erhältlich - gleiches gilt für den ebenfalls längst vergriffenen Nachdruck von 1978 aus dem Verlag Klaus Guhl [Hintergrund: Noch im Erscheinungsjahr wurde gegen Vogel, dessen Verleger [Verlag Die Wölfe, Leipzig-Plagwitz] und den Illustrator des Buches [Rüdiger Berlit] ein Prozess angestrengt - die Anklage lautete auf Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften. Von den 5.000 Exemplaren der Erstauflage konnte jedoch keines mehr beschlagnahmt werden, da bereits alle verkauft waren. Allerdings wurde der Großteil (8.000 von 10.000 Exemplaren) der im gleichen Jahr gedruckten Zweitauflage beschlagnahmt. Der Prozess endete schließlich im März 1929 mit einer Verurteilung des Verlegers und dem Verbot, die beanstandeten Kapitel Der Tod des gefreiten Müller III und Die ohne Zukunft weiter abzudrucken ... dabei basierten beide, wie das gesamte Buch, auf Vogels eigenen Erlebnissen als einfacher Soldat im I. Weltkrieg ... seine Schlüsse aus dieser Katastrophe fielen allerdings deutlich weiser aus als die anderer bekannter Frontsoldaten niederen Ranges] ... ein Buch, das nach meiner festen Überzeugung ebenso wie Vogels Roman "Alf" [s.o.] auf die Lehrpläne Schulen dieser Welt gehört, damit zumindest künftige Generationen nicht immer wieder die gleichen Dummheiten begehen müssen, zumal kluge Köpfe wie Vogel diese eben längst als solche entlarft haben.)

 

 

MAGIE

Als ein
kleiner
rosa Wurm
im Schnabel des
schwarzen Vogels,
noch einmal die Welt
von oben sehend
bevor er in der
Magensäurenwärme stirbt
und seine naive Lebensfreude
auf den nächsten Schmied überträgt,
so erkenne ich mich
in der Freßwelt der Starken,
die mich schon lange als Schwachpunkt
ausgemacht hat.
Nun bin ich halt so
und lebe halt so
und definitiv sterb´ ich auch so.
Niemand fragt in hundert Jahren
wer der Wonnewurm war,
der so gut geschmeckt haben soll.
Aber es ist mir nicht egal
wie man mit Schwäche umgeht,
denn schließlich, im Ende,
ist sie das was Stärke gebärt.
Und ich sage euch,
den schwarzen Vogel wird´s nicht stören,
doch euch geht´s an
und nur wenn ihr die Angst beschränkt
kann die Magie geboren sein.
Alle werden gesunden
und der schwarze Vogel stirbt aus.

Torben Schmieder, "Sturmschäden"

 

ORTE IN DER GROSSSTADT

Er schloss seine linke Hand und stieß dann den Zeigefinger seiner Rechten in das Loch, das aus dem Handteller und den Fingern entstanden war, und dann bewegte er den Zeigefinger hin und her. Es war unmissverständlich, was er meinte. Ich hatte mich nicht geirrt. Ich hastete wei8ter und fragte mich, ob die Städte der Ebene auch wirklich durch Feuer und Schwefel vernichtet worden seien. Wie ich in meinem späteren Leben erfahren sollte, hat jede Großstadt ihre bestimmten Orte – ihren Platz, ihren Garten für solche Erholung. Und die Polizei? Nun sie drückt ein Auge zu, bis irgendeine schreiende Missetat begangen wird; denn es ist gefährlich, die Münder von Kratern zu knebeln. Da Bordelle mit männlichen Huren nicht erlaubt sind, müssen solche Treffpunkte geduldet werden, oder das ganze ist ein modernes Sodom und Gomorra.

 Oscar Wilde „Teleny“ (um 1897) 

 

DAS AROMA DES PFIRSICHS

„Aber hat Dich nicht doch am Morgen – als der Rausch verflogen war – ein schaudern erfasst bei dem Gedanken, einen Mann zum Geliebten zu haben?“

„Warum denn? Hatte ich ein Verbrechen gegen die Natur begangen, wenn meine Natur Friede und Glück dadurch fand? Wenn ich so beschaffen war, dann war sicherlich mein Blut daran schuld, nicht ich selber. Wer hatte Nesseln in meinen Garten gepflanzt? Nicht ich. Sie waren dort unbemerkt gewachsen, seit meiner frühesten Kindheit. Schon lange bevor ich verstehen konnte, welches Problem sie mit sich brachten, begann ich ihren Stachel im Fleisch zu spüren. Als ich versucht hatte, meine Begierde zu zügeln, war es da meine Schuld, wenn die Schale der Vernunft viel zu leicht war, um die der Sinnlichkeit aufzuwiegen? ,War ich anzuklagen, weil ich den rasenden Aufruhr in mir nicht beschwichtigen konnte? Wie dem Jago hatte die Vorsehung mir gezeigt, dass wenn ich mich selber verurteilen wollte, ich es auf feinere Art und Weise tun konnte, als mich zu ertränken. Ich füge mich meinem Schicksal und hüte das Glück. Dabei sage ich niemals mit Jago: < Virtue, a fig! > Nein Tugend ist der süße Geschmack des Pfirsichs: Laster, der winzige Tropfen Blausäure im Kern – ihr köstliches Aroma. Ohne beides wäre das Leben schal.“

 Oscar Wilde „Teleny“ (um 1897)

 

DIE QUINTESSENS DER SEELIGKEIT

Selbst die geschickteste aller Huren wäre nicht fähig, einen Mann solche Sensationen fühlen zu lassen, wie ich sie mit meinem Geliebten empfand, denn im Grunde ist die Schnalle nur mit den Lüsten vertraut, die sie selber gefühlt hat; während die schärferen Emotionen, da sie nicht die ihres eigenen Geschlechts sind, ihr unbekannt und unvorstellbar bleiben. Ebenso wird kein Mann je fähig sein, eine Frau mit solch überwältigender Wollust wahnsinnig zu machen, wie eine andere Tribade es vermag, denn sie allein weiß, wie sie ihre Schwester an der richtigen Stelle und genau im richtigen Moment kitzeln muss. Die Quintessens der Seligkeit kann daher nur von Wesen des gleichen Geschlechts ausgekostet werden.

Oscar Wilde

 

WENN IHR UNS STECHT BLUTEN WIR NICHT

Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und eben dem Sommer, als ein Christ?

Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns dann nicht rächen?

Sind wir euch in allen Dingen so ähnlich, so wollen wir es euch auch darin gleich tun.

William Shakespeare „Der Kaufmann von Venedig“ Act 3, Sc. 1, Monolog des Shylock (wahrscheinlich um 1595/96, übers. n. A.W. Schlegel) 

 

EHRE

Ehre beseelt mich vorzudringen. Wenn aber Ehre mich beim Vordringen entseelt? Wie dann? Kann Ehre ein Bein ansetzen? Nein. Oder einen Arm? Nein. Oder den Schmerz einer Wunde stillen? Nein. Ehre versteht sich also nicht auf die Chirurgie? Nein.

Was ist Ehre? Ein Wort. Was steckt in dem Wort Ehre? Was ist diese Ehre? Luft. Eine feine Rechnung! – Wer hat sie? Er, der vergangenen Mittwoch starb: fühlt er sie? Nein. Hört er sie? Nein. Ist sie also nicht fühlbar? Für die Toten nicht. Aber lebt sie nicht etwa mit den Lebenden? Nein. Warum nicht? Die Verleumdung gibt es nicht zu. Ich mag sie also nicht. – Ehre ist nichts als ein gemalter Schild beim Leichenzuge, und so endigt mein Katechismus. (Ab.)

William Shakespeare „König Heinrich der Vierte. Erster Teil“ Act 5, Sc. 1, Ritter Sir John Falstaff in der Schlacht (wahrscheinlich um 1596/97, übers. n. A.W. Schlegel)

 

ALKOHOL

Porter: Mein Seel, Herr, wir zechten, bis der zweite Hahn krähte und der Trunk ist ein großer Beförderer von drei Dingen.

Macduff: Was sind denn das für drei Dinge, die der Trunk vorzüglich fördert?

Porter: Ei, Herr, rote Nasen, Schlaf und Urin. Buhlerei befördert und dämpft er zugleich: er befördert das Verlangen und dämpft das Tun. Darum kann man sagen, dass vieles Trinken ein Zweideutler gegen die Buhlerei ist: es schafft sie und vernichtet sie; treibt sie an und hält sie zurück; macht ihr Mut und schreckt sie ab; heißt sie, sich brav zu halten und nicht brav zu halten; zweideutelt sie zuletzt in Schlaf, straft sie Lügen und geht davon.

William Shakespeare „Macbeth“ Act 2, Sc. 3 (wahrscheinlich um 1606, übers. n. D. Tieck)

 

GEWALT

Bewusst oder unbewusst verhalten wir uns im täglichen Leben gewaltlos zueinander. Alle wohlgeordneten Gesellschaften beruhen auf dem Gesetz der Nicht-Gewalt. Ich habe gefunden, dass Leben inmitten der Zerstörung fortbesteht, und deshalb muss es ein höheres Gesetz als das der Zerstörung geben. Nur unter diesem Gesetz wäre eine wohlgeordnete Gesellschaft zu verstehen und das Leben lebenswert. Und wenn dies das Gesetz des Lebens ist, so haben wir es im täglichen Leben anzuwenden.

Wo immer es Misshelligkeiten gibt, wo immer Sie es mit einem Gegner zu tun bekommen, gewinnen sie ihn durch Liebe. Im groben habe ich dies in meinem Leben ausgeführt. Das heißt nicht, alle meine Schwierigkeiten seinen gelöst. Ich habe jedoch gefunden, dass dieses Gesetz der Liebe sich als sachgemäß bewährt, wie es das Gesetz der Zerstörung nie getan hätte.

„Mahatma“ Mohandas Karamchand Gandhi

 

VATERLANDSLIEBE

Herr K. hielt es nicht für nötig, in einem bestimmten Lande zu leben. Er sagte: „Ich kann überall hungern.“ Eines Tages aber ging er durch eine Stadt, die vom Feind des Landes besetzt war, in dem er lebte. Da kam ihm entgegen ein Offizier dieses Feindes und zwang ihn, vom Bürgersteig herunterzugehen. Herr K. ging herunter und nahm an sich wahr, dass er gegen diesen Mann empört war, und zwar nicht nur gegen diesen Mann, sondern besonders gegen das Land, dem der Mann angehörte, also dass er wünschte, es möchte vom Erdboden vertilgt werden. „Wodurch“, fragte Herr K., „bin ich für diese Minute ein Nationalist geworden? Dadurch, dass ich einem Nationalsten begegnete. Aber darum muss man die Dummheit ja ausrotten, weil sie dumm macht, die ihr begegnen.

 Bertold Brecht „Geschichten vom Herrn Keuner“ oder „Dialektik als Lebensweise“

 

NAMEN

Du sollst einen Namen tragen, der sei, wie kein anderer Name im ganzen Universum.

7. Regel des Gesetzes der Gimpel (aus Walter Moers „Die 13 ½ Leben des Käpt´n Blaubär“ [mein lieber Freund und Theater-Dramaturg Julius Seyfarth spekulierte einmal, dass in der Befolgung dieser wahrhaftigen Lebensregel wohl der wahre Hintergrund für meinen Namen läge])

 

RELIGION

Denjenigen, der sein Leben lang arbeitet und Not leidet, lehrt die Religion Demut und Langmut hinieden und vertröstet ihn mit der Hoffnung auf himmlischen Lohn. Diejenigen aber, die von fremder Arbeit leben, lehrt die Religion Wohltätigkeit hinieden, womit sie ihnen eine recht billige Rechtfertigung ihres ganzen Ausbeuterdaseins anbietet und Eintrittskarten für die himmlische Seligkeit zu erschwinglichen Preisen verkauft. DIE RELIGION IST DAS OPIUM DES VOLKES. Die Religion ist eine Art geistigen Fusels, in dem die Sklaven des Kapitals ihr Menschenantlitz und ihre Ansprüche auf ein halbwegs menschenwürdiges Leben ersäufen.

 Vladimir Il´ic Ulljanow „Lenin“ „Sozialismus und Religion“

 

FREIHEIT

Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei - mögen sie noch so zahlreichsein - ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der Gerechtigkeit, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die Freiheit zum Privilegium wird.

Rosa Luxemburg

 

KRIEGSGRUENDE

But if the cause be not good, the King himself hath a heavy reckoning to make; when all those legs and arms and heads, chopped off in a battle, shall join together at the latter day, and cry all, "We died at such a place"; some swearing, some crying for a surgeon, some upon their wives left poor behind them, some upon the debts they owe, some upon their children rawly left. I am afeard there are few die well that die in a battle; for how can they charitably dispose of any thing when blood is their argument ? Now, if these men do not die well, it will be a black matter for the king that led them to it, who to disobey were against all proportion of subjection.

William Shakespeare, King Henry V, Akt IV, Szene 1 (Michael Williams)

 

DAS WESEN DES KRIEGES

Es hat immer welche gegeben, die gehn herum und sagen: "Einmal hört der Krieg auf." Ich sag: dass der Krieg einmal aufhört, ist nicht gesagt. Es kann natürlich zu einer kleinen Paus kommen. Der Krieg kann sich verschnaufen müssen, ja, er kann sogar sozusagen verunglücken. Davor ist er nicht gesichert, es gibt ja nix Vollkommenes allhier auf Erden. Einen vollkommenen Krieg, wo man sagen könnt: an dem ist nix mehr auszusetzen, wirds vielleicht nie geben. plötzlich kann er ins Stocken kommen, an was Unvorhergesehenem, an alles kann kein Mensch denken. Vielleicht ein Übersehn, und das Schlamassel ist da. Und dann kann man den Krieg wieder aus dem Dreck ziehen! Aber die Kaiser und Könige und der Papst wird ihm zu Hilf kommen in seiner Not. So hat er im ganzen nix Ernstliches zu fürchten, und ein langes Leben liegt vor ihm.

Bertolt Brecht, Mutter Courage und ihre Kinder, Szene 6 (Der Feldprediger)

 

 SEIN

 Das Sein bestimmt das Bewußtsein

 Karl Marx

More grandiose Lyrics unter „(Seelen-)verwandte“




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